Lebenswelten als Symbole für Bewusstseinszustände

Das Unbewusste: Die Unterwelt

Wenn die Kraft des Bewusstseins dem Helden seine Grundhaltung zum Konflikt verleiht, ist es die logische Konsequenz, in der Qualität des Unbewussten die Ausgestaltung der antagonistischen Kräfte zu suchen. Der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen durchzieht ausnahmslos alle Geschichten und das Verhältnis beider Pole lässt sich, wie erwähnt, nicht auf eine eindimensionale Erklärung reduzieren. Das Schreckliche ist besetzt mit einer kollektiven Angst – vor Leid, vor Gewalt und schließlich vor Vernichtung. Mit ihr einher geht jedoch immer auch eine kollektive Faszination für das, was so unerträglich scheint. Die Beschaffenheit unseres Unbewussten kann uns eine Vorstellung verleihen, wie sich die Facetten von Angst und Faszination generieren.

Ausgehend vom Mythos der Ureinheit kann nicht deutlich genug erwähnt werden, welche Bedeutung dem Umstand beizumessen ist, dass unser heutiges Bewusstsein aus dem unbewussten Geist der Natur hervorgegangen ist. Denn das, was wir heute als Bewusstsein erkennen können, ist im Verständnis der Analytischen Psychologie nach wie vor nur eine winzige Insel in einem Meer von unüberschaubar vielfältigen Inhalten, die uns größtenteils verschlossen bleiben. »Als sich das Bewusstsein generierte, verlor der bewusste Geist den Kontakt zu einem Teil dieser psychischen Energie«, den wir heute als das Unbewusste bezeichnen. Doch selbst wenn unser Verstand von dieser archaischen Energie abgeschnitten scheint, hat unser Unbewusstes seine archaische Prägung der primitiven Entwicklungsstufe bewahrt. 1 Dieser primitive Teil der Psyche ist dem Bewusstsein unbekannt, da es sich mit dem Zeitpunkt seiner Differenzierung von den archaischen Inhalten abgewandt hat. Symbolische Erscheinungen in Träumen und Fantasien bringen heute nach wie vor diese primitiven Inhalte wieder hervor. Damit  folgt das Unbewusste seiner Bestrebung, all jene Inhalte, von denen sich das Bewusstsein befreit hat, wieder zur Geltung zu bringen. Doch je mehr sich das Bewusstsein vom Unbewussten gelöst hat, desto mehr erzeugen die Inhalte des Unbewussten Angst.

Auf der Ebene des Individuums begründet sich diese Angst durch das Funktionieren der Psyche an sich. Sämtliche Inhalte, die vom Bewusstsein nicht zugelassen werden, verbleiben im Unbewussten. Da die Psyche jedoch nicht statisch, sondern in jeder Hinsicht dynamisch und kompensatorisch funktioniert, verbleiben die verdrängten Inhalte nicht in Ruhe. Sie konstellieren sich im Unbewussten zu Komplexen, die in hohem Maße psychische Energie an sich binden. Selbst positive Inhalte, die ins Unbewusste verbannt werden und vom Ich gänzlich unbeachtet bleiben, erhalten so eine negative Ladung. Die Folge ist, dass sich die kumulierten Inhalte dem Bewusstsein auf unkontrollierte Weise offenbaren, was Verhaltensweisen nach sich zieht, die unserem Bewusstsein fremd und von ihm unerwünscht sind. Bestenfalls äußert sich dies in gelegentlichen nicht normgerechten Verhaltensweisen wie Launenhaftigkeit, Unsicherheit oder Aggressivität. Wächst die negative Energie im Unbewussten zu stark an, kann dies zur Ausbildung einer Neurose führen.

Die extremste Auswirkung unkontrolliert freigesetzter psychischer Energie ist das Verfallen in eine Psychose. Selbst in einer Psychoanalyse ist die Gefahr einer Psychose immer gegeben und sie ist die psychopathologische Auswirkung dessen, was im Mythos die größte Angst erzeugt. Wenn der Held nicht stark genug ist, die antagonistischen Kräfte zu bezwingen, wird er von ihnen überwältigt. Der analoge Prozess vollzieht sich in der Psychose, sodass die Angst des Menschen vor der überwältigenden Kraft des Unbewussten in gewisser Weise berechtigt ist. Bereits das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Bewusstsein und Unbewusstem schürt jene Gefahr, die durch einen zu starken Verdrängungsprozess unbewusster Inhalte und die dadurch verstärkte Ansammlung negativer psychischer Energie im Unbewussten erhöht wird. Ist das Ich zu schwach, um die angestauten Inhalte zu verkraften, kann es von den übermächtigen Inhalten des Unbewussten überschwemmt werden.

Die Gefahr der Begegnung mit antagonistischen Kräften findet also eine Entsprechung im psychischen Funktionieren des Menschen, womit eine Angst vor der Konfrontation mit den unbekannten archaischen Kräften psychologisch nachvollziehbar wird. Wie wir jedoch dem Bösen bereits eine zwiespältige Natur mit durchaus energetisch positiven Eigenschaften unterstellt haben, enthält auch das Unbewusste positive Eigenschaften, die für das Ich mit einem Zuwachs an Potentialen und Fähigkeiten verbunden sind. Sie trotz der Gefahr einer Überschwemmung herauszulösen, ist die Aufgabe des Helden. Wie die Struktur dieser Potentiale beschaffen ist und wie die Begegnung mit ihnen im Einzelnen aussieht, soll im folgenden Kapitel ausführlicher erläutert werden, bevor die letzte Bewusstseinsstufe der Zentroversion ausführlicher beleuchtet werden kann.

  1. Vgl. Jung et. al. 1980, S. 98